Dissertationsprojekt: „Blutraub“ - Ärztliche Praxis oder schwarze Propaganda? Zur Problematik erzwungener Blutabnahmen bei osteuropäischen Kindern für die sanitätsdienstliche Weiterverwendung in der deutschen Wehrmacht.

Felix Klingenbeck

Bereits wenige Wochen nach dem Beginn des Unternehmens Barbarossa, am 22. Juni 1941, berichteten vereinzelt amerikanische Zeitungen über den Missbrauch von Kindern und Erwachsenen als lebende Blutspender in Lazaretten der Wehrmacht, die in den besetzten Gebieten hinter der Front lagen. Bis zum Ende des Krieges wurde dieses Narrativ mit unterschiedlichen Spezifizierungen in zunehmender Breite immer wieder erneut publiziert. Vor allem die Verwendung von Kindern wird in der Mehrzahl der Fälle explizit herausgestellt und beherrscht die Thematik.

Heute wird dieser Vorwurf ,wenn überhaupt bekannt, höchstens als unseriöses Gerücht wahrgenommen. Manch namhafter Historiker hat nach eigener Auskunft zwar schon Kenntnis davon erhalten, veröffentlichte aber aufgrund mangelnder Quellen nichts zum Thema bzw. verwarf die These mit dem Verweis es handle sich um Propaganda. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema gibt es bisher nicht. Entsprechende Gedanken dazu wurden nicht zuletzt wegen dem fraglos propagandistischen Charakter und der vermeintlich nicht vorhandenen Quellenbasis bisher eher skeptisch betrachtet.

Diese Arbeit wurde nicht unter der ausschließlichen Prämisse begonnen, dass die angesprochene Praxis eine definitiv nachweisbare, historische Tatsache darstellt, sondern vielmehr um zunächst einmal verschiedene Möglichkeiten über das Zustande kommen dieses Vorwurfs zu analysieren. Erste Vorbefunde lassen erkennen, dass es sich um ein Phänomen dichotomer Ausprägung gehandelt haben könnte. Es hat den Anschein als stünde ein für propagandistische Zwecke erdachtes Konstrukt einer gleichzeitig, tatsächlich existenten, durch Ärzte der Wehrmacht angewandten Praxis gegenüber. Hieraus ergibt sich die interessante Frage in wie weit sich Propaganda und ärztliche Praxis wechselseitig beeinflusst haben könnten, oder ob möglicherweise das Eine für das Andere ursächlich war. Es sollen beide Pole, die an dieses Narrativ geknüpft sind – Propaganda versus Realität – ergebnisoffen und ohne Vorurteile untersucht und diskutiert werden. In beiden Fällen fanden sich bei den Voruntersuchungen eine Vielzahl vielversprechender Spuren.

So gab es eindeutig Institutionen, im heutigen Sinne PR Agenturen, deren Akteure auffällig ausführlich und mit mutmaßlich übertriebenen Zahlen vor Vertretern der Medien über das Thema berichteten. Es gelangte bis in die Traumfabriken Hollywoods, wo es propagandistisch wirksam in einen für die Zeit charakteristischen Propagandafilm eingearbeitet wurde. Auch die Verstrickung alliierter Geheimdienste in die Verbreitung entsprechender Nachrichten ist nicht zu leugnen und trägt die typische Handschrift der schwarzen Propaganda, die es zum Ziel hat den Feind mit erfundenen Behauptungen aus unbekannter Quelle zu diskreditieren.

Andererseits gibt es Erinnerungen von Betroffenen und auch offizielle Dokumente aus den unterschiedlichsten Gegenden Osteuropas, Russlands und sogar Deutschlands, die allesamt ähnliche Ereignisse von erzwungenen Blutabnahmen durch Wehrmachtärzte berichten. Anzahl und Orte, sowie Publikationszeitpunkte (oft Jahrzehnte nach Kriegsende) der Fälle sind zu breit gefächert, als dass man diese allesamt als bewusste Konstrukte der Propaganda bezeichnen könnte. Von einer nicht existenten Quellenbasis kann somit keinesfalls gesprochen werden. In welche Richtung diese allerdings die Untersuchung führen wird ist freilich noch offen.

Eine dritte „Säule“ dieser Arbeit ergibt sich im Bezug auf die herrschende Ideologie im NS Staat bzw. bei der Ärzteschaft und im Sanitätsdienst der Wehrmacht. So scheint es bei oberflächlicher Betrachtung evident, dass eine Nutzung von „nicht – arischem“ Blut zur Transfusion bei deutschen Soldaten aufgrund der Rassentheorie ausgeschlossen war. Ein Argument, das von Gegnern der These regelmäßig vorgebracht wird.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass die von den Herrschafts – und Forschungseliten verordnete, angewandte und zweifellos auch von vielen Deutschen rezipierte Rassentheorie von manchen Militärmedizinern im Bezug auf die Transfusion nicht immer als sinnvoll erachtet wurde.Bei einem Mangel von Spendern/ Blutersatzmitteln, der vor allem an der sogenannten Ostfront mit Fortschreiten des Krieges herrschte, entstanden für die Militärärzte vor Ort große medizinische Probleme. Es lässt sich teilweise nachweisen, dass pragmatisch orientierte Militärärzte in unteren Einheiten des Heeres, so z.B. auf Bataillonsebene, die Rassentheorie als sinnlos und kontraproduktiv im Bezug auf dieses Problem bezeichneten. Hierdurch ist durchaus vorstellbar, dass man bei einem erhöhten Aufkommen an Verwundeten und einem gleichzeitigen Mangel an geeigneten „arischen Spendern“ die Rassentheorie zu Gunsten der Wehrkrafterhaltung bzw. Wiederherstellung hintanstellte. Um das Problem ganz „pragmatisch“ vor Ort zu lösen erscheint somit auch der schonungslose Rückgriff auf „nicht - arische“ Personen als unfreiwillige Spender nicht ganz unwahrscheinlich. Daraus ergibt sich die paradoxe Situation, dass durch dieses Handeln zwei fundamentale Maximen die das Wehrmachtssanitätswesen maßgeblich prägten und leiteten – Rassentheorie und Wehrkrafterhaltung - in Gegensatz zueinander gesetzt wurden und diese somit ad absurdum führte.

Weiterhin soll für diesen speziellen Kontext die medizinethische Dimension im Bezug auf Kinder und Medizinverbrechen beleuchtet werden. Nicht nur um den bereits gut erforschten, verbrecherischen Charakter der NS Medizin weiter zu komplettieren, sondern um auch zu untersuchen in wie weit das ethische Empfinden eines Adressaten durch die thematische Verknüpfung von medizinischem Missbrauch mit „dem Kind“ als gezielter Angriffspunkt von Propaganda genutzt wird. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Botschaft. Was löst es beim Adressaten aus? Steigert es den Kampfgeist oder den Hass auf den Feind?

Ziel dieser Arbeit ist es die angesprochenen Teilbereiche ,so weit möglich, darzustellen und miteinander zu verknüpfen, aber auch die Widersprüche und Gegensätze aufzuzeigen. Somit soll erstmals ein greifbares, wissenschaftlich fundiertes Kompendium zum Narrativ des „Blutraubes“ unter besonderer Berücksichtigung des 2. Weltkrieges zur Verfügung gestellt werden. Ob die Untersuchung dieser Thematik in ihren verschiedenen Aspekten hernach als historisch abgeschlossen betrachtet werden kann, darf bezweifelt werden. Berichtet doch das Magazin für amerikanische Außenpolitik, internationale Politik, Beziehungen und Wirtschaft Foreign Policy in einem Artikel vom 24. Oktober 2014 über den sogenannten Islamischen Staat: „Children are also sent into battle, where they are used as human shields on the front lines and to provide blood transfusions for Islamic State soldiers...1

1 Brannen, Kate, Children of the Caliphate, in: foreignpolicy.com/2014/10/24/children-of-the-caliphate/ [24. Oktober 2014], zuletzt geprüft: 15.08.2016, 18:34.

 

Biographie

1989 geboren in Heppenheim/Bergstraße
2008 Abitur am Goethe Gymnasium Bensheim
2008/09 Zivildienst
2009/10 Studium der Rechtswissenschaften an der Albert - Ludwigs Universität Freiburg.
2010 Krankenpflegepraktikum und Ausbildung zum Rettungssanitäter mit anschließendem Dienst im Rettungsdienst.
seit 2011 Studium der Humanmedizin, erst an der Philipps Universität Marburg
seit 2014 Universität zu Lübeck

seit 2009 regionalhistorische Forschungen im Bereich Luftkrieg, Kriegsende 1945 und Reichsarbeitsdienst (RAD).

Einfluss von Forschungsergebnissen in: Strohmenger, Dirk: Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis 1923 - 1945 : "... dass überalls vollkommene Ruhe und Ordnung herrscht ...", Erbach: Kreisarchiv des Odenwaldkreises, 2016.

seit 2013 Mitglied der Redaktion der Geschichtsblätter des Kreises Bergstraße.

weitere Arbeitsthemen:
1) Äskulap & Ähre: Der Gesundheitsdienst des RAD. Organisation, Ärzte, Biopolitik.
2) Leben und Wirken des Tiroler Expeditionsmediziners Willi Bernard.

Vorträge:

  • 27.03.2015: Der Angriff der USAAF auf Bensheim am 26. März 1945 aus militärhistorischer Sicht. Bei Abend der Erinnerung: 70 Jahre Kriegsende in Bensheim, veranstaltet durch die Pfarrei Sankt Georg, Bensheim.

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Lübeck kämpft für seine Uni