Dissertationsprojekt: Konstanz und Wandel – das Landeskrankenhaus Neustadt/ Holstein 1945-1965. Psychiatriealltag aus institutioneller und individueller Perspektive

von Bettina Schubert

Der Nationalsozialismus in Deutschland prägte das Schicksal psychisch Kranker, indem sie zunächst als „Ballastexistenzen der Volksgemeinschaft“ systematisch stigmatisiert und nahezu 400.000 Betroffene zwangssterilisiert wurden. Unter Beteiligung deutscher Anstaltsärzte wurden Tausende ihrer psychiatrischen Patienten in Zwischenanstalten deportiert und ermordet.

Das düsterste Kapitel der deutschen Psychiatriegeschichte endete zwar formal mit der politischen Zäsur 1945, im kollektiven Gedächtnis der Deutschen musste die im „Dritten Reich“ gesundheitspolitisch propagierte Exklusion „Minderwertiger“ weit über das Kriegsende hinaus verankert gewesen sein und mangels personeller Alternativen der medizinischen Akteure in Therapie und Pflege zwangsläufig Kontinuitäten im Anstaltsalltag erhalten haben. Erste Reformbestrebungen gegenüber den Missständen und z.T. menschenunwürdigen Versorgungsstrukturen in der Psychiatrie ab Mitte der 1960er Jahre fanden ihren Niederschlag in der großen „Psychiatrie-Enquete“ 1975. Zwischen diesen beiden Eckpfeilern der Psychiatriegeschichte – dem NS-Patientenmord und der „Psychiatrie-Enquete“  –  verharrte die deutsche Anstaltspsychiatrie in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten demnach in einer Art „Grauzone“.

Vor diesem Hintergrund wird das Dissertationsprojekt in einem zeitlichen Längsschnitt von 1945-1965 den Anstaltsalltag am Beispiel des schleswig-holsteinischen Landeskrankenhauses Neustadt/Holstein in ausgewählten Kategorien untersuchen. In welchem Maße bestimmte die NS-Rassenideologie nach 1945 institutionelle Denk- und Handlungsmuster? Welche nationalen und lokalen gesundheitspolitischen Initiativen nahmen Einfluss auf die Versorgung psychisch Kranker? Wie gestaltete sich das Anstaltsleben für die Patienten zwischen 1945-1965? Welche Initiativen lassen sich beim Personal in Therapie und Pflege ausmachen, wie erlebten Patienten den Alltag unmittelbar?

Für den zeitlichen Längsschnitt werden sowohl die Archivbestände des LKH Neustadt/ H. zur allgemeinen Datenerhebung als auch die im Landesarchiv Schleswig-Holstein archivierten Patientenakten des LKH Neustadt/ H. in einer qualitativen Analyse herangezogen. Ausgewählte Ego-Dokumente der Patienten sollen Aufschluss über das individuelle Erleben des Anstaltsalltags zwischen 1945-1965 geben.

Betreuung: Prof. Cornelius Borck

2002-2007: Studium der Angewandten Kulturwissenschaften (Universität Lüneburg) – Schwerpunkt: Sozial- und Kulturgeschichte
M.A./Magistra Artium

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