Seminare im Sommersemester 2018

Alle Studierenden, die von Frau Katalinic (Studiendekanat) einen Platz in GTE erhalten haben, nehmen an einem Seminar teil. Anmeldungen können vom 26. März 2018, 12 Uhr bis 2. April 2018, 18 Uhr über Moodle getätigt werden. Dafür benötigen Sie einen Einschreibeschlüssel, der Ihnen vorher per E-Mail zugeschickt wird.

Folgende Seminare werden im Sommersemester 2018 angeboten:

Wöchentliche Seminare

Gruppe 1: Ethische Fragen am Lebensende (Christoph Rehmann-Sutter)

dienstags, 18:15 bis 19:45 Uhr, Seminarraum im Dachgeschoss, IMGWF
Beginn: 10.4.2018

Soll es zulässig sein, dass eine Ärztin/ein Arzt einem Patienten, der dies verlangt, bei der Durchführung eines Suizids hilft? Unter welchen Umständen darf man in einer terminalen Situation eine tiefe Sedierung bis zum Eintritt des Todes durchführen? Ist das Abbrechen einer lebenserhaltenden Behandlung eine passive oder eine aktive Maßnahme der Sterbehilfe? – In diesem Seminar sollen medizinethischen Fragen, die sich am Lebensende stellen, aus der Perspektive der ÄrztInnen, der Regulierung, aber auch aus der Sicht der betroffenen PatientInnen geklärt werden. Das Seminar behandelt ethische Fragen der Palliativmedizin, der Sterbehilfe und setzt sie in Beziehung zur Philosophie des Todes.

Termine: 10. 4., 17. 4., 24. 4., 8. 5., 22. 5., 29. 5., 5. 6., 12. 6., 19. 6., 26. 6., 3. 7. (als Doppelsitzung mit Picknick).


Blockseminare

Gruppe 2: Geschlecht: angeboren oder gemacht? Der John/Joan-Fall (Birgit Stammberger)

Termin: Blockseminar von Freitag, 8.6.2018 bis Sonntag, 10.6.2018, Beginn am Freitag: 16 Uhr, Hörsaal, IMGWF
Vorbesprechung: 26.4.2018, 18-20 Uhr, Seminarraum im Dachgeschoss, IMGWF

Im Jahre 1972 berichtete der US-amerikanische Psychologe und Sexualwissenschaftler John Money von dem Fall einer erfolgreichen Geschlechtsumwandlung, der als John/Joan-Case Eingang in die medizinische Fachliteratur fand und seitdem in unterschiedlichen fachdisziplinären Zusammenhängen und in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurde. Money, der bereits in den 1950er-Jahren medizinische Richtlinien für die Behandlung von Intersexualität aufgestellt hatte, sah in dem John/Joan-Fall ein paradigmatisches Beispiel für die Bedeutung geschlechtsspezifischer Sozialisation gegen eine biologische Begründung des Geschlechts. Damit schien der John/Joan-Fall auch das medizinische Behandlungskonzept des Optimal Gender zu bestätigen, das einen medizinischen und sozialen Anpassungsprozess von Kindern, die mit einem uneindeutigen Geschlecht geboren wurden, vorsah. In einer Kultur, die von einem Zwei-Geschlechtermodell geprägt ist, führe, so Moneys These, Intersexualität zu schweren Traumatisierungen. Dementsprechend sprach sich Money für eine möglichst frühe Zuweisung zu einem Geschlecht durch operative und hormonelle Behandlungen, aber auch durch konsequente Erziehung aus. Seit dem Ende der 1990er-Jahre wurden die auf dem Optimal Gender-Konzept beruhenden Behandlungsrichtlinien heftig kritisiert. Das Bekanntwerden von Lebensläufen und Behandlungsschicksalen haben seitdem zu einer kritischen Auseinandersetzung mit medizinischen Behandlungsrichtlinien geführt. Auch die Veröffentlichung des John/Joan-Falles und der dahinter stehenden Lebensgeschichte spielte in diesem Prozess eine wesentliche Rolle. Bis in die Gegenwart hinein wird dieser Fall nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Geschlechtertheorie, der Wissenschaftsgeschichte und in der Öffentlichkeit aufgegriffen, um die auf konstruktivistischen und Sozialisationstheorien beruhenden Vorstellungen von Geschlecht zu kritisieren. Dabei stehen nicht nur medizinische Behandlungsrichtlinien im Fokus der Kritik, sondern auch die in der Geschlechterforschung leitenden Theorien von Sexualität und Gender. Der John/Joan-Fall wurde somit zu einem Musterbeispiel für zahlreiche Debatten über medizinische Behandlungsrichtlinien, Kultur, Geschlecht und Körper.

Im Seminar werden die Debatten um Intersexualität und Geschlecht aus medizinhistorischer, geschlechtertheoretischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet. Es werden die unterschiedlichen Bezugnahmen des John/Joan-Falls bis in die Gegenwart nachgezeichnet und die mit dem „berühmtesten Experiment der Sexualwissenschaften“ weitreichenden Fragen diskutiert: In welchem Verhältnis stehen biologisches und soziales Geschlecht? Worauf basiert geschlechtsspezifisches Verhalten, und welche Rolle spielen kulturelle Vorstellungen bei der Erstellung medizinischen Behandlungsrichtlinien? Lässt sich in der Gegenüberstellung von sex und gender Geschlecht überhaupt angemessen erfassen?

Ziel des Seminares ist, die auf dieser Fallgeschichte aufbauenden, unterschiedlichen Narrative zu rekonstruieren und die mit dem John/Joan-Fall verknüpften Theorien von Geschlecht in Medizin, Feminismus und Öffentlichkeit aus einer kulturwissenschaftlichen und medizinhistorischen Perspektive zu beleuchten.
 

Gruppe 3: Patientenakte und Fallgeschichte – Die Leitmedien der Medizin
(Cornelius Borck / Ulrich Mechler)

Termin: Blockseminar von Freitag, 15.6.2018 bis Sonntag, 17.6.2018, Beginn am Freitag: 16 Uhr, Seminarraum im Dachgeschoss, IMGWF
Vorbesprechung: 25.4.2018, 18:30 Uhr, Seminarraum im Dachgeschoss, IMGWF

 „…und dann noch der ganze Schreibkram!“ – es gibt wohl kaum eine Ärztin / einen Arzt, der noch nie seinen Unmut über die lästige Pflicht zur gewissenhaften Dokumentation zum Ausdruck gebracht hätte. Ärzte untersuchen, behandeln – und sie schreiben. Und das seit Jahrhunderten. Aber das ärztliche Schreiben ist weit mehr als eine bürokratische Zumutung. Im Gegenteil: das Aufschreiben von Anamnesen, Beobachtungen, Untersuchungsergebnissen und Krankheitsverläufen bildet die vielleicht wichtigste Grundlage medizinischen Wissens und der ärztlichen Kommunikation. Wer wann was wie und wozu aufgeschrieben hat, ist in unterschiedlichen historischen und institutionellen  Kontexten ganz verschieden. Deshalb sind Patientenakten und medizinische Fallgeschichten besonders dichte und vielschichtige Quellen, die Einblicke in Behandlungspraktiken, medizinisches Denken, ärztliches Selbstverständnis und in Arzt-Patienten-Verhältnisse geben. Im Seminar soll die Entwicklung dieser Leitmedien der Medizin verfolgt werden, an deren Ende heute die elektronische Patientenakte und der standardisierte Arztbrief stehen:  Was ist aus der Fallgeschichte geworden? Ist es Zeit für „narrative-based medicine“? Einzelne Fälle und Modelle werden jeweils von jeweils zwei Studierenden vorgestellt und anschließend in der Gruppe diskutiert.  Dabei werden Sie weder mit lateinischen Texten, noch mit alten Handschriften konfrontiert werden – aber Sie müssen lesen und schreiben...



Gruppe 4: Medizin und Nationalsozialismus
(Burghard Weiss)

Termin: Blockseminar von Freitag, 15.6.2018 bis Sonntag, 17.6.2018, Beginn am Freitag: 16 Uhr, Hörsaal, IMGWF
Vorbesprechung: 26.4.2018, 18:30 Uhr im Hörsaal, IMGWF

"Nationalsozialismus ist angewandte Biologie." Dieses Diktum von Rudolf Hess, dem sog. Stellvertreter des Führers, kennzeichnet das "Dritte Reich" aus heutiger Sicht als 'biopolitische Entwicklungsdiktatur'. Die Umsetzung seiner Ziele im Rahmen von Eugenik, Euthanasie und Holocaust geschah mit aktiver Unterstützung der Mehrheit der deutschen Ärzteschaft. Wie es dazu kommen konnte, dass Ärzte zu Hitlers wichtigsten und willigsten Helfern wurden, soll im Seminar rekonstruiert und diskutiert werden.

Gruppe 5: EBM: Was ist das, wie kam es dazu – und ist EBM die beste Form ärztlicher Praxis? (Cornelius Borck)

Termin: Blockseminar von Freitag, 29.6.2018 bis Sonntag, 1.7.2018, Beginn am Freitag: 16 Uhr, Seminarraum im Dachgeschoss, IMGWF
Vorbesprechung: 23.4.2018, 18:30 Uhr, Seminarraum im Dachgeschoss, IMGWF

Evidenzbasierte Medizin (EBM) ist heute der Standard der ärztlichen Praxis. Klinische Entscheidungen sollen nicht (mehr) aufgrund der Meinung eines Chefarztes („eminenzbasierte Medizin“) oder (allein) nach pathophysiologischen Postulaten (science-based medicine), sondern aufgrund nachgewiesener Wirksamkeit (RCTs, Metaanalysen und Guidelines) erfolgen. Aus Sicht ihrer Verfechter ist EBM schlicht der beste Standard, und das sieht auch der Gesetzgeber so. Gleichzeitig steht EBM in der Kritik als „Kochbuchmedizin“, die vor allem der Pharmaindustrie entgegenkomme und zur Kosteneinsparung im Gesundheitswesen eingesetzt werde.
Das Seminar will diese aktuelle Debatte aus der Entwicklung der EBM begreifen und diskutieren, welche Akteure im Gesundheitssystem aufeinandertreffen: Bietet EBM einen guten Rahmen für die ärztliche Praxis oder wie müsste sie reformiert werden? Voraussetzung zur Teilnahme ist die Bereitschaft zur Lektüre und aktiven Auseinandersetzung mit vor allem englisch-sprachigen Originalarbeiten.

Gruppe 6: Kolonialmedizin (Burghard Weiss)

Termin: Blockseminar von Freitag, 29.6.2018 bis Sonntag, 1.7.2018, Beginn am Freitag: 16 Uhr, Hörsaal, IMGWF
Vorbesprechung: 24.4.2018, 19 Uhr im Hörsaal, IMGWF

„Erst impfen, dann reisen!“ Mit diesem Slogan wirbt das tropenmedizinische Institut der Charité gegenwärtig großflächig auf Berliner Litfaß-Säulen. Während unsere fernreisefreudigen Landsleute die reisemedizinischen Dienstleistungen des Berliner und artverwandter Institute gern und oft in Anspruch nehmen und die Tropen- und Reisemedizin damit zu einem boomenden und für die Institute lukrativen Geschäft werden lassen, dürfte den wenigsten von ihnen bewusst sein, dass diese uns heute so nützliche Disziplin der Medizin ihre Entstehung kolonialen Machtverhältnissen verdankt. Beginnend mit der europäischen Expansion im 15. Jahrhundert erreichte der europäische Kolonialimperialismus im späten 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Die Medizin wurde damit vor die Aufgabe gestellt, europäische Reisende, Händler und Missionare, Siedler und Soldaten gegen die gesundheitlichen Gefahren tropischer Gefilde zu immunisieren bzw. - weniger ambitioniert – die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken zu minimieren. Mit der Ausbeutung der Kolonien als außenwirtschaftlicher Ressource geriet dann im Rahmen einer „Menschenökonomie“ auch die Arbeitskraft der indigenen Bevölkerung in den Blick der Medizin. Die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierende Mikrobiologie, Infektiologie und Parasitologie erhielt dadurch ganz wesentliche Impulse. Das Seminar soll die Genese der Tropenmedizin aus ihren kolonialen Ursprüngen, ihre Motive und Methoden, historisch kritisch rekonstruieren und dabei die Frage thematisieren, ob die koloniale Ordnung der Welt als „heikles Erbe“ bis in unsere Tage fortwirkt.

Gruppe 7: Ethik in der Pädiatrie (Christina Schües)

Termin: Blockseminar von Freitag, 6.7.2018 bis Sonntag, 8.7.2018, Beginn am Freitag: 16 Uhr, Hörsaal, IMGWF
Vorbesprechung: 2. Mai 2018, 18:30 Uhr, Hörsaal IMGWF

Kinder können ihre informierte Zustimmung zu Therapien, Forschungsbeteiligung oder Blut-, Gewebe- oder Organspenden nicht oder nur eingeschränkt geben. So sieht es der Gesetzgeber vor. Einige medizinische Entscheidungen werden sogar vor ihrer jeweiligen Existenz getroffen, etwa im Falle der sogenannten "Retterkinder". Allerdings sehen juristische und ethische Richtlinien diese Zustimmung vor, wenn es um medizinische Interventionen in den Körper eines kranken oder auch gesunden Menschen geht. Mit welchen Argumenten oder Rechtfertigungen kann das Recht auf die Unversehrtheit des Körpers außer Kraft gesetzt werden? Sich widerstreitende, aber auch miteinander verschränkte rechtliche, politische, wirtschaftliche und ethische Diskurse bestimmen die Praxis eigennütziger oder fremdnütziger medizinischer Interventionen. Diese unterschiedlichen Diskurse sind Thema der Seminardiskussionen, die jeweils von unterschiedlichen Fallkonstellationen ausgehen werden.

 

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