Dissertationsprojekt: Der Lübecker Impfskandal 1930 in der Wahrnehmung von Zeitzeugen heute

Hanna Jonas

Der „Lübecker Impfskandal“ oder das „Lübecker Impfunglück“ sind feststehende Begriffe, die einem zumindest im Umkreis dieser Stadt begegnen können. Doch was geschah damals genau?
Ende der Zwanziger Jahre war die Tuberkulose auch in Deutschland noch eine sehr bedrohliche und weit verbreitete Erkrankung. Um diese Volksseuche zu bekämpfen, wollten Ärzte hier in Lübeck zum ersten Mal in Deutschland die BCG-Impfung gegen Tuberkulose einführen. Dabei handelt es sich um einen Impfstoff aus abgeschwächten lebenden Erregern. Die Originalkulturen für die Impfung stammten aus dem Pariser Institut Pasteur. Möglichst alle Neugeborenen sollten die Schluckimpfung erhalten, um auf diese Weise so früh wie möglich jede Ansteckung zu verhindern.
Die Impfquote war aufgrund der massiven Werbung vonseiten des Gesundheitsamts sehr gut. Innerhalb von zwei Monaten wurden 248 Kinder geimpft, drei weitere hatten die Impfung schon vor ihrer offiziellen Einführung am 26.2.1930 erhalten. Allerdings traten nach ein paar Wochen gehäuft ungeklärte Erkrankungsfälle bei diesen Säuglingen auf, die auch zu Einweisungen ins Kinderkrankenhaus führten. Jene wurden schließlich am 26.4.1930 als Tuberkulose infolge der Impfung erkannt („Fütterungstuberkulose“). Offensichtlich hatte eine Verunreinigung der Impfkulturen stattgefunden, welche bei der Herstellung des Impfstoffs im Lübecker Krankenhauslaboratorium nicht bemerkt worden war. Insgesamt kam es bei fast allen geimpften Säuglingen zu leichten bis sehr schweren impfbezogenen Erkrankungen, 77 Kinder starben. Bei 72 von ihnen konnte als Todesursache eindeutig eine schwere Tuberkulose, hervorgerufen durch die Impfung, festgestellt werden.

Wie genau es zu dieser Verunreinigung des Impfstoffs kam, wurde im Rahmen eines Gerichtsverfahrens in den dreißiger Jahren untersucht. Das Ergebnis blieb dabei letztlich umstritten. Außerdem wurde zu dieser Zeit grundsätzlich über den Sinn von Impfungen diskutiert, insbesondere auch über den der BCG-Impfung. Spätere Forschungen beschäftigten sich unter anderem mit dem Ablauf des Unglücks und seinem experimentellen Charakter oder der zeitgenössischen Darstellung in der Presse.

Bei einem Vortrag zum Impfskandal in Lübeck im Herbst 2010  kam es zum Kontakt mit einem Zeitzeugen. Das gab den Anstoß zu diesem Projekt, dem Sammeln erlebter Geschichte.
Es werden Interviews mit Zeitzeugen geführt, als vermutlich letzte Gelegenheit, hierzu erlebte Geschichte zu dokumentieren. So wird es möglich, die reinen Fakten um das eigene Erleben Betroffener zu ergänzen.
Die Interviews beleuchten unter anderem den familiären Hintergrund der Gesprächspartner, ihren Kontakt zum Gesundheitswesen, die Erinnerungen an die konkreten Ereignisse (natürlich etwas, das sie selbst nur erzählt bekommen haben können) und die Folgen für das eigene Leben. Letzteres sind zum Beispiel nicht nur mögliche körperliche Beeinträchtigungen und der Umgang mit diesen, sondern auch die Auswirkungen der Impfkatastrophe auf das Familienleben. Genauso zählt dazu das spätere eigene Verhalten gegenüber dem Gesundheitssystem, insbesondere auch das Wahrnehmen von medizinischen Angeboten (z.B. Impfungen).
Daneben wird auch erfragt, wie seitens der Behörden und Versicherungen mit dem Schicksal der Betroffenen umgegangen wurde.
Als Zeitzeugen in Frage kommen dabei nicht nur damals geimpfte Personen selbst, sondern auch Verwandte und Angehörige von Betroffenen (z.B. Geschwister, spätere Ehepartner, Kinder, Cousins/Cousinen).

Das Ziel der Studie ist eine möglichst umfassende Dokumentation der Erinnerungen an das Lübecker Impfunglück. Damit soll – soweit heute noch möglich – der Prägung der Lebenswirklichkeit der Betroffenen durch das Unglück nachgegangen werden. Da dieses Ereignis mittlerweile 81 Jahre zurückliegt, kann „umfassend“ nur bedeuten, möglichst vielfältige Wege einzuschlagen, um noch vorhandene Erinnerungen ans Licht zu bringen.


Lebenslauf
1988 geboren in Oldenburg
2008 Abitur am Alten Gymnasium Oldenburg
seit 2008 Studium der Humanmedizin an der Universität zu Lübeck
Betreuung: Prof. Cornelius Borck

IMGWF Universität zu Lübeck - Königstrasse 42 - 23552 Lübeck - Fon +49 (0)451 707 998-12 - Fax +49 (0)451 707 998-99 - info@imgwf.uni-luebeck.de

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Lübeck kämpft für seine Uni