Kulturphilosophie und historische Wissenschaftsforschung

Ausgehend von den angelsächsischen science studies, die primär die Naturwissenschaften erforschen, macht Historische Wissenschaftsforschung die Wissenschaft selbst zum Gegenstand der Forschung – allerdings hier verstanden gemäß dem deutschen Sprachgebrauch als alle „drei Kulturen“ (Wolf Lepenies), also Geisteswissenschaften, Gesellschaftswissenschaften und Naturwissenschaften. Historische Wissenschaftsforschung zielt dabei weniger auf Vollständigkeit als auf eine radikale Art des Fragens und Forschens, denn sobald nach der Genese von Wissen gefragt wird, muss buchstäblich dessen Disziplinierung mit in den Blick genommen werden. Dazu ist eine transdisziplinäre Pluralität wissenschaftlicher Methoden erforderlich, je nachdem ob eine mehr soziologische, philosophische, kulturwissenschaftliche, medienhistorische oder ideengeschichtliche Perspektive in den Vordergrund gestellt wird. Wenn Wissen und Wissenschaft im gesellschaftlich-historischen Kontext erforscht werden, wird gefragt, wie sich die Untersuchung von Welt und Wirklichkeit historisch bis heute verändert hat. Ist Wissenschaft per se nicht allein Erkennen, sondern immer auch Veränderung der Umwelt, also Technik? Welche Rolle spielt die Technik für die gesellschaftliche Akzeptanz von Wissenschaft? Ist Technik und besonders auch Medizin nicht immer schon „Konstruktion von Zukunft“ (K.H. Metz)? Kann die kognitive Perspektive, der Erwerb sogenannten „reinen“ Wissens, überhaupt von gesellschaftlichen Interessen, der sogenannten Anwendung, getrennt werden? Und ist Wissenschaft heute in der Postmoderne noch als Wissenschaft im klassischen Sinne zu verstehen oder haben wir es vielmehr mit einer prinzipiell neuen Form von Erkenntnis als technischer Anwendung zu tun? Ein besonderer Reiz ergibt sich für die Historische Wissenschaftsforschung aus der Tatsache, dass hier Objekt und Subjekt nicht im objektivistischen Sinne voneinander getrennt werden können, schließlich ist der die Wissenschaft als Objekt thematisierende Wissenschaftler selbst Teil seines Objektes, des Systems Wissenschaft.
 

IMGWF Universität zu Lübeck - Königstrasse 42 - 23552 Lübeck - Fon +49 (0)451 707 998-12 - Fax +49 (0)451 707 998-99 - info@imgwf.uni-luebeck.de

A A A

English Version

Lübeck kämpft für seine Uni