Institutskolloquium des IMGWF im WiSe 2016/17


Das Programm:

Donnerstag, 23. März 2017, 18 Uhr
Dr. Birgit Stammberger

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Mittwoch, 18. Januar 2017, 18 Uhr
Prof. Lisa Malich

"Eine Naturwissenschaft werden: Zur Geschichte der bundesdeutschen klinischen Psychologie und Psychotherapie (1945 – 2015)"

Der Zugang der Psychologie zum Feld psychischer Erkrankungen hat sich in den letzten Jahrzehnten entscheidend verändert. In der Nachkriegszeit ist eine wachsende Orientierung an statistischen Methoden, quantitativen Modellen und experimentell-psychologischen Ansätzen festzustellen. Damit einher geht die zunehmende Positionierung klinisch psychologischer Wissensfelder als Naturwissenschaften und, neuerdings, als Lebenswissenschaften. Parallel zu dieser Entwicklung lassen sich zwei weitere Transformationen in dem Bereich verzeichnen: Zum einen wurde die Dominanz von Medizin bzw. Psychiatrie bei der Behandlung psychischer Beschwerden teilweise durch die aufstrebende klinische Psychologie in Frage gestellt. Zum anderen verschob sich der Geschlechteranteil in Psychologie und Psychotherapie in diesem Zeitraum. Waren in der Jahrhundertmitte männliche Psychologen noch in der Überzahl, stieg Ende der 1980er der Anteil der weiblichen Psychologiestudierenden auf über die Hälfte. Heute gilt die Disziplin als ‚Frauenfach’. In dem geplanten Projekt sollen die Formationen und Transformationen der deutschsprachigen Psychotherapie und klinischen Psychologie analysiert werden. Hierbei wird ein besonderes Augenmerk auf die Orientierung an naturwissenschaftlichen Ansätzen, auf Geschlechtervorstellungen sowie die Disziplinenbeziehung zwischen Medizin und Psychologie gelegt. Die historische Untersuchung ist auf vier Ebenen angesiedelt: Einer Wissenschaftsgeschichte, einer Wissensgeschichte, einer Professionengeschichte und einer Praxisgeschichte.


Mittwoch, 14. Dezember 2016, 18 Uhr
Prof. Christoph Rehmann-Sutter

"Wo sich Leben ereignet"
Schritte zu einer praxisbezogenen Theorie der Biosphäre

Biosphäre nennen wir den Ort auf der Oberfläche der Erde, wo Leben vorkommt. Lebewesen – die Menschen und alle anderen – leben nicht nur in ihr, sondern nehmen an ihr Teil und leben durch sie. Wie kann Lebendigkeit im Kontext einer gefährdeten Biosphäre beschrieben werden? Weil Leben Lebensentfaltung ist, müssen sich theoretische und praktische Ansätze verschränken.

Der Vortrag stellt zwei Thesen zur Diskussion: 1. Eine Grundlage für eine Theorie des Lebendigen kann die Erfahrung sein, dass sich die Lebendigkeit eines Wesens nur erschließt, wenn man die „Ereignishaftigkeit“ von Leben zulässt. 2. Biosphärisches Handeln ist – etwa in der Klimadebatte – nicht allein durch Normen und Regeln für Handlungen und Entscheidungen zu regulieren, sondern lässt sich nur angemessen auf der Ebene von kollektiv sinntragenden „Praktiken“ beschreiben, die Sinn und kulturelle Identität verkörpern.

Mittwoch, 16. November 2016, 18 Uhr
Dr. Beatrix Rubin

"Plastizität: Ein biologisches Konzept der Veränderung und der Anpassung"

Beatrix Rubin setzt sich vor dem Hintergrund ihrer langjährigen Forschungstätigkeit in der Neurobiologie mit wissenschaftssoziologischen Fragen der Biomedizin auseinander. In ihrer aktuellen Forschung befasst sie sich mit dem Konzept der Plastizität und seiner Rolle in der Entwicklung der Neurowissenschaften und der zellbiologischen Forschung. 

Der Schwerpunkt ihres Vortrags liegt auf der Entwicklung der Neurobiologie während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und dem grundlegenden Wandel im wissenschaftlichen Verständnis des Nervensystems, das nicht länger als weitgehend konstant in Funktion und Struktur, sondern als lebenslang dynamisch und anpassungsfähig begriffen wird. Sie wird die Möglichkeitsbedingungen und die wissenschaftlichen und therapeutischen Implikationen einer neuen Sichtweise auf das Nervensystem diskutieren und sie in Beziehung zur Rolle des Konzepts der Plastizität setzen. Sie wird dabei auch die Plastizität in der zellbiologischen Forschung ansprechen. Hierzu hat sie soeben mit Dr. Alison Kraft, University of Nottingham, eine Untersuchung in der Zeitschrift “BioSocieties” veröffentlicht.

A. Kraft and B.P. Rubin «Changing cells: The rise of the concept of plasticity in the context of cellular differentiation» BioSocieties (2016). doi:10.1057/s41292-016-0027-y (open access) 

Mittwoch, 19. Oktober 2016, 19:00 Uhr, IMGWF, Königstr. 42
Angela Steidele

Psychiatriegeschichte und Fiktionalisierung
"Lassen wir ihr Hirn derweil noch an seinem Platze."

Lesung und Gespräch mit Angela Steidele über ihren Roman Rosenstengel. Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II. – ausgezeichnet mit dem Bayerischen Buchpreis 2015

München 1884. Während der junge Irrenarzt Franz Carl Müller sich im obligatorischen Austausch mit seinen Mentoren von Gudden und Westphal als Leibarzt des geistig verwirrten Bruders Ludwigs II. bewährt, bereitet er unwissentlich das irrenärztliche Gutachten zur Entmündigung des bayerischen Märchenkönigs vor. Um der Zuspitzung willen verhehlen wir an dieser Stelle das raffinierte Webmuster dieses Briefromans mitsamt seinen virtuos, die Sprachgewohnheiten des frühen 18. sowie des späten 19. Jahrhunderts imitierenden Erzählebenen: Für die Lesung isoliert Angela Steidele das ärztliche Personal aus dem komplexen Geschehen und beleuchtet anhand des leidenschaftlichen, teils maliziösen Schriftwechsels zwischen den konkurrierenden Hirnforschern und Irrenärzten Bernhard von Gudden, Paul Julius Westphal (= Paul Julius Möbius & Carl Westphal) und Franz Carl Müller über die neumodische »zwangfreie Behandlung«, das gute alte »Siegburger Siegel«, die »conträre Sexualempfindung« oder die »Krankheit Weib« ein krudes und skurriles Stück Psychiatriegeschichte.


Es darf laut gedacht und gelacht werden!

Eine Veranstaltung des IMGWF in Kooperation mit der Buchhandlung MaKULaTUR

 

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