Dissertationsprojekt: Zur ganzheitlichen Medizin Karl Kötschaus im Wechsel der politischen Systeme

Von Rebecca Pohl

Die ganzheitliche Medizin sah sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Gegenspieler zur mechanistisch-technischen Auffassung des Menschen, die im Zuge der industriellen Revolution das Menschenbild der Medizin dominierte. Vorstellungen wie die der Seele und der Integrität der Person  waren in dieser Zeit nicht so angesehen wie reduktionistisches  „technisches“ Denken. Führende Forscher, wie Rudolf Virchow, hielten die Naturwissenschaften für nicht befugt, philosophische Fragen nach der metaphysischen Existenz des Menschen zu beantworten. Die Wissenschaft müsse sich auf das mechanistische Denken beschränken. Damit ging es auch in der Medizin vor allem um die Objekte des Wissens, der Mensch erkrankte in den einzelnen Teilen seines Körpers. Dieser Verengung auf die technische Frage des „Wie?“ stellte die ganzheitliche Medizin die alte philosophische Frage nach dem „Wofür“ an die Seite und forderte die Beschäftigung mit der Natur des Wissens und der Bedeutung erworbenen Wissens. Nach dieser Auffassung ist der Mensch mehr als die Summe seiner Teile.

Die Unsicherheit in der Bestimmung des Menschenbildes und ihren ethischen, kulturellen und politischen Implikationen führte in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu einer „Krise der Medizin“, auf deren Hintergrund sich viele Patienten alternativen medizinischen Konzepten als Schablonen eines authentischeren Lebens zuwandten. Viele dieser ganz grundsätzlichen Fragen stellten sich auch Karl Kötschau (1892-1982), dessen Veröffentlichungen zum Thema der ganzheitlichen Medizin in die Zeitgeschichte einzuordnen das Hauptanliegen meines Dissertationsvorhabens ist. Es stellt sich die Frage, inwieweit der Nazifunktionär Kötschau als Leiter einer nationalsozialistischen Reichsarbeitsgemeinschaft seine Vorstellung einer ganzheitlichen Medizin über die Zeit der Weimarer Republik, des Dritten Reichs und der Zeit nach 1945 aufrechterhalten konnte.

Da zudem die historische Betrachtung der Beschäftigung Karl Kötschaus mit dem ganzen Menschen und seiner Gesundheit und Krankheit viele Parallelen zu heutigen Diskussionen in der Medizin aufzeigt und in den ethischen Debatten z.B. um Stammzell- und Organtransplantationen, Präimplantationsdiagnostik und Abtreibung und im Angesicht eines immer kostspieligeren Gesundheitssystems viele der schon Anfang des 20. Jahrhunderts und zu Lebzeiten Kötschaus aufgeworfenen Fragen um die Bestimmung des Menschen in seiner Krankheit immer wieder neu verhandelt werden, gilt es, die Differenzen und Kontinuitäten in der Diskussion um eine ganzheitliche Medizin zu verdeutlichen.

Lebenslauf:
2006 Abitur in Königstein im Taunus
2006-2009 Medizinstudium in Freiburg
Seit 2009 Medizinstudium in Lübeck
Betreuung: Prof. Dr. Cornelius Borck

IMGWF Universität zu Lübeck - Königstrasse 42 - 23552 Lübeck - Fon +49 (0)451 707 998-12 - Fax +49 (0)451 707 998-99 - info@imgwf.uni-luebeck.de

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