Dissertationsprojekt: Konvergierende Instabilitäten - Karl Lennerts Forschungssammlung und die Entstehung einer Ordnung

von Ulrich Mechler

1974 erschien in der August-Ausgabe des Lancet ein knapper Artikel, gezeichnet von sechs namhaften europäischen Pathologen, unter ihnen Prof. Karl Lennert (*1921) aus Kiel. Die hier erstmals veröffentlichte sogenannte „Kiel-Klassifikation maligner Lymphome“ war das Ergebnis jahrelanger Forschungsarbeit, durchgeführt von Lennert und seine Mitarbeiter am Kieler Institut für Pathologie. Maligne Lymphome - bösartige neoplastische Erkrankungen der Lymphozyten und ihrer Vorstufen – wurden erstmals 1832 von Thomas Hodgkin beschrieben. Die Kiel-Klassifikation war ein Meilenstein auf dem Weg zu einem systematischen biologischen Verständnis dieser Krankheiten.

Diese weithin kaum wahrgenommene Kieler Entwicklung ist bisher - den Gepflogenheiten einer fachinternen Gedächtnisarbeit entsprechend - nur in groben biographischen Strichen dargestellt worden. Die hier anvisierte Arbeit geht andere Wege. Im Zentrum der Untersuchung steht Lennerts persönliche Forschungssammlung, ein unscheinbarer Karteischrank, gefüllt mit tausenden wohlgeordneter kleiner Pappmäppchen, die mikroskopische Präparate und Daten von Krankheitsfällen enthalten. Bereits in den 1940er Jahren hatte Lennert begonnen, interessante Krankheitsfälle zu sammeln. Im Laufe von fünf Jahrzehnten entstand eine Sammlung von etwa 6.000 Fällen von Krankheiten des lymphatischen Systems. Diese Sammlung spiegelt sämtliche Arbeitsschwerpunkte seines Lebens wieder und stellt in ihrer zeitlichen und thematischen Geschlossenheit einen einzigartigen Ansatzpunkt für ein Forschungsvorhaben dar, das nach den Bedingungen der Entwicklung dieses Ordnungssystems fragt.

Der außerordentliche Gehalt der Sammlung liegt in ihrer Vielschichtigkeit. Zunächst zeigt sich eine chronologische Entwicklung. Verschiedene Verwendungsweisen und Funktionszusammenhänge sind entzifferbar. Vermittels immer neuer Interaktionen wurden der Sammlung sich wandelnde Rollen eingeschrieben. So diente sie anfänglich als (auto-)didaktisches Werkzeug bei der Aneignung hochspezialisierten Fachwissens und der allmählichen Fokussierung auf ein wissenschaftliches (Lebens-)Thema. Sie fungierte als Ablage- und Ordnungssystem in der diagnostischen Routine des jungen Facharztes, allmählich wird sie ein Forschungsinstrument und erfährt eine zunehmende arbeitsteilige Öffnung und schließlich die Transformation in eine medizinische Institution, dem 1965 von Lennert gegründeten Kieler Lymphknotenregister, dessen Beständen sie fortan als Subkonvolut angehört. Endlich diente sie als Speicher mobiler Vermittlungsinstanzen im Rechtfertigungs- und Repräsentationskontext der Theorie (Kiel-Klassifikation), die, zwischen konkurrierenden Konzepten stehend, langwierige wissenschaftliche Aushandlungs- und Durchsetzungsprozesse durchlief. Die im Kern immer gleiche basale Praxis des Sammelns wird immer neu konfiguriert und mit neuen Interessenlagen vermittelt.

Neben der chronologisch-biografischen Ebene gibt es eine funktionelle. Patientendaten und Konsilschreiben verweben individuelles Leid mit den Routinen medizinischer Forschung und den Diskursen einer wissenschaftlichen Gemeinschaft. Darüber hinaus verschafft eine Fülle von zusätzlichen Notizen, Tabellen und Manuskripten Einblicke in die Serie von Transformationen, die vom konkreten Einzelfall, der partikularen Erfahrung, bis zur publizierten wissenschaftlichen Erkenntnis, der standardisierten Abstraktion, und ihren Bewährungen führen. Durch die mikroskopischen Präparate ist die Materialität des Labors mit medizinischen Theorien und Diskursen verknüpft, die in den beigefügten Notizen und Diagnosen aufscheint. Zahllose Streichungen und Revisionen in den Inskriptionen belegen den allmählichen Wandel der Konzepte, der wiederum auf veränderte technische Bedingungen und Methoden zurückverweist. Diese Verschiebungen betreffen auch das Ordnungsgefüge selbst: Alte Kategorien wurden umstrukturiert oder aufgegeben, obsolete Begriffe durch neue ersetzt, neue Kategorien entstanden, die Fälle bewegten sich durch verschiedene Kategorien hindurch, die ihrerseits neu zueinander in Beziehungen gesetzt wurden.  
Die Sammlung öffnet einen Blick in die innere Dynamik eines Forschungsprozesses. Es zeigt sich eine Mobilität aller Elemente auf allen Strukturebenen. Damit erscheint der Prozess der Wissensproduktion als ein fortlaufender Konsolidierungsprozess permanenter Instabilitäten, der von immer neuen und neu zu integrierenden Faktoren stets unterminiert wird.

Das Dissertationsvorhaben ist eingebunden in ein Forschungsprojekt über die Hintergründe der Entstehung der Kiel-Klassifikation an dem die Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung der Universität Kiel, die Sektion für Hämatopathologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein und das Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität Lübeck beteiligt sind.

Die von der Volkswagen-Stiftung getragene Initiative „Forschung in Museen“ unterstützt das im April 2010 angelaufene Forschungsprojekt.

Lebenslauf

1998-2006     Studium der Philosophie, empirische Kulturwissenschaften, Psychologie in Jena

2007-2010     Volontariat im Arithmeum – Museum für die Geschichte des Rechnens und der Mathematik, Universität Bonn

2010-     Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Medizin- und Pharmaziehistorischen Sammlung der Universität Kiel  

Betreuung: Prof. Cornelius Borck  

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