Prof. Dr. rer. nat. Burghard Weiss

Optische Sinnestechnologien im militärischen und zivilen Kontext

Der Mensch ist in seinem Verhältnis zur Welt auf die Leistungen seiner Sinnesorgane angewiesen. Triebfeder naturwissenschaftlichen Fragens war daher immer auch der Wunsch nach Erweiterung der Sinne durch Erkenntnis naturwissenschaftlicher Prinzipien und deren technische Nutzung. Verlängerungen der Sinne (z.B. Fernrohr, Mikroskop) dienten naturwissenschaftlicher Erkenntnis (Astronomie, Physiologie) ebenso gut wie politischen und ökonomischen Zwecken (Seefahrt, Medizin). Die Verwissenschaftlichung der Technik qua Mathematisierung im 19. Jahrhundert brachte erste Theorien der technologievermittelten Sinneswahrnehmung (Beispiel Optik). Kritik an wissenschaftsvermittelter Wahrnehmung als Grundlage wissenschaftlichen Erkennens entstand im Rahmen der Positivismus/Realismus Kontroverse zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie wirklich ist die instrumentell vermittelte und theoretisch konstruierte „Wirklichkeit“, in welchem Verhältnis befindet sich das „Erkannte“ zum „Objekt selbst“? Im Zentrum dieser Debatte stand und steht vorrangig der menschliche Gesichtssinn (visus), der traditionell das Gros des „Inputs“ des menschlichen Gehirns vermittelt. Die Geschichte der Visualisierung hat daher in den letzten Jahren vermehrt das Interesse der Wissenschafts- und Technikgeschichte gefunden: „Sichtbarmachung des Unsichtbaren“, „Instrumentelles Sehen“, „visuelle Herstellung von Selbstverständlichkeiten“, „konstruierte Sichtbarkeiten“ waren Schwerpunkte des historischen Diskurses. Technikgeschichtlich gesehen hat sich die Fülle der Möglichkeiten, den menschlichen Gesichtssinn zu erweitern, im 20. Jahrhundert enorm erweitert. Röntgenstrahlen führten zur Revolutionierung der Sichtbarmachungsmöglichkeiten in Medizin und Materialforschung, Elektronen in ihrer Dualität als Teilchen und Welle verstanden führten zur Erfindung der Übermikroskopie, mit der die durch die Wellenlänge gesetzte Grenze des Erkennens unterschritten und damit überwunden wurde. Diese Tendenz fand ihre Fortsetzung in der Nutzung anderer korpuskularer Strahlungsformen wie der Neutronen, die im Zuge des Ausbaus der Kerntechnologie als „Abfallprodukt“ zur Verfügung gestellt und besondere Form des „Lichtes“ (Neutronenradiographie, Neutronenstrukturanalyse) abbildungstechnisch genutzt wurden. Die Fokussierung auf diese Grenzüberschreitungen hat die Rekonstruktion der Nutzung des „konventionellen“ Lichtes eher in den Hintergrund treten lassen. Dies trifft insbesondere auf den Bereich des Sehens während der Nacht zu (Nachsichttechnik, NST), möglicherweise auch deshalb, weil sich diese Entwicklung weitgehend im Bereich des militärischen und damit geheimgehaltenen Wissens abgespielt hat. Neben der zu Beginn des Jahrhunderts erfolgten Erweiterung in die Dreidimensionalität (Douhet) qua Flugzeug und U-Boot bildet die Aufhebung zeitlicher Begrenzung durch die Fähigkeit, die „Nacht zum Tage zu machen“, eine der fundamentalen Entgrenzungen, die die Technologie der Kriegführung während des 20. Jahrhunderts erfahren hat. Zeugnisse dieser Entwicklung (Objekte, technische Handbücher, graue Literatur, Archivmaterialien) sind erst nach dem Ende des Kalten Krieges einer nicht-militärischen Öffentlichkeit zugänglich geworden und können derzeit historisch ausgewertet werden.

Medizinische Anwendungen der Kernphysik

Der ubiquitäre Einsatz von Technik hat die Medizin im 20. Jahrhundert grundlegend verändert. Neue Möglichkeiten in Diagnostik, Therapie und Forschung und die Vereinfachung von Handlungsabläufen im medizinischen Alltag gehören in der Sicht von Ärzten und breiter Öffentlichkeit zur Positivbilanz dieser Entwicklung. Der erhebliche Ressourcenbedarf ebenso wie die mit neu eröffneten Handlungsspielräumen verbundenen ethischen Problematiken werden dagegen in weiten Kreisen kontrovers diskutiert. Diese aktuelle Situation im Verhältnis zwischen Medizin und Technik ist das Resultat vorangegangener historischer Entwicklungen, in denen individuelle Initiative und Kreativität, die Programme und Interessen unterschiedlicher Disziplinen, verfügbare Ressourcen und gesellschaftliche sowie kulturelle Dispositionen in immer wieder neuen Konfigurationen wirksam geworden sind. Das spezifische Verhältnis von Medizin und Technik in der Gegenwart, und damit der aktuelle Stand, das öffentliche Ansehen und die Entwicklungspotentiale der Medizintechnik sind demnach nicht das Ergebnis eines quasi naturgesetzmäßig ablaufenden Prozesses, sondern das Resultat von menschlichem Handeln in konkreten wissenschaftlichen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Kontexten.
Medizinische Anwendungen der Kernphysik finden sich – neben bildgebenden Verfahren – vor allem im Bereich der Strahlentherapie. Strahlentherapeutisch wirksame Innovationen sind i.d.R. angebotsinduziert, d.h. ihnen gehen Angebote von Seiten der Physik/Technik voraus, neue Verfahren der Strahlenerzeugung und Manipulation für therapeutische Zwecke einzusetzen. Diese Angebote treffen wiederum auf eine pauschale Generalnachfrage der Medizin: Was neu ist, lohnt auch probiert zu werden. So entstand eine Machtkoalition aus Physik/Technik und Medizin, die die Innovationstätigkeit auf dem Gebiet der Strahlentherapie bis heute dominiert. So wurden in Deutschland (aber auch in anderen Industrienationen) von Großgeräten bereitgestellte Formen stark ionisierender Strahlung (Protonen, Schwerionen, Neutronen) für experimentelle Therapieformen eingesetzt und in spezifischen therapeutischen Problemstellungen (Chordome, Chondrosarkome, Aderhautmelanome, kurz: Tumoren in der Nähe von Risikoorganen) erprobt. Anbieter waren Institutionen der Großforschung (Hahn-Meitner-Institut Berlin, Gesellschaft für Schwerionenforschung Darmstadt, Forschungszentrum Garching), die über die zur Produktion der Strahlung notwendigen Großgeräte verfügten. Erste therapeutische Erfolge, positive Bewertungen im Rahmen des Health Technology Assessments, die Bereitstellung von ausreichenden Risikokapitalien sowie Öffentlich-Private-Partnerschaften (PPP) ermöglichten die gegenwärtig stattfindende Überführung der neuen Therapieformen in dedizierte, d.h. der Therapie  vorbehaltenen Großanlagen (Heidelberger Ionentherapiezentrum, Protonenzentrum Kiel).
Genese, Entwicklung und Zukunft dieser als Ionen- oder Partikeltherapie bekanntgewordenen neuen Richtung der Strahlentherapie werden historisch-kritisch analysiert und begleitet. 

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Lübeck kämpft für seine Uni